Wort zum Sonntag 47 KW/2025
Der anvertraute Schatz
Eine jüdische Geschichte erzählt:
Ein Rabbi hatte zwei Söhne, die er sehr liebte.
Während er in der Synagoge war, starben sie.
Die Mutter legte sie in ein Zimmer und bedeckte sie mit einem Tuch.
Als der Rabbi heimkam und nach ihnen fragte, sagte sie, sie seien fortgegangen, kämen aber bald wieder.
Dann setzte sie ihm das Abendessen vor.
Nachdem sie gegessen hatten, stellte sie ihrem Mann eine Frage:
"Was soll ich machen? Vor einiger Zeit kam ein Mann und bat mich, seinen Schatz aufzubewahren.
Ich habe es getan. Nun kommt er wieder und will ihn zurückhaben.
Soll ich ihn zurückgeben?"
Der Rabbi entrüstete sich und sprach:
"Was ist das für eine Frage!
Wenn man etwas anvertraut bekommen hat, muss man es auch wieder zurückgeben, wenn es verlangt wird."
Dann führte die Frau ihren Mann in das Zimmer in dem die beiden toten Söhne lagen.
Als nun der Rabbi anfing zu klagen und zu weinen, sprach seine Frau zu ihm:
"Der Besitzer ist gekommen und hat seinen Schatz zurückgenommen."
Da war der Rabbi getröstet und sprach mit Hiob:
"Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Gelobet sei der Name des Herrn."
Jeder Mensch, mit dem wir unser Leben teilen, ist ein uns anvertrauter Schatz, kostbar und einzigartig von Gott erschaffen. Wir freuen uns an ihm und passen nach Kräften auf ihn auf. Und wenn es eines Tages Abschied zu nehmen heißt, geben wir ihn zurück in die Hand des Eigentümers und wissen, dass er bei ihm am besten aufgehoben ist.
Das kann es uns leichter machen, von einem lieben Menschen Abschied zu nehmen
Bernhard Halver
Dompfarrer Merseburg
